Review: Julia Engelmann

Vor kurzem habe ich mir den Auftritt von Pop-Poetin und Poetry-Slammerin Julia Engelmann angesehen. Davon möchte ich euch heute berichten.

     Zunächst mal habe ich festgestellt: Ich gehöre nicht zum klassischen Engelmann-Publikum: Ich bin über 30, hab auch kein Teenie-Kind, das mich mitgeschleppt hätte, und hatte vorher noch nicht mal eins von Julias Büchern gelesen. Trotzdem interessierte mich der Auftritt, und zwar aus folgenden Gründen: Ich habe schon viele Auszüge aus ihren Büchern im Netz gelesen und fand diese immer sehr klug formuliert und oft auch berührend. Außerdem kam sie in unsere Stadt, ich konnte direkt nach der Arbeit hingehen, und es war nicht zu teuer. Was mich aber letztendlich dazu bewegte, hinzugehen, war wohl die Tatsache, dass die junge Frau was mit Sprache macht - und zwar augenscheinlich auf eine moderne und packende Art und Weise. Und da ich ja selbst hier auf dem Blog auch irgendwie was mit Sprache mache und allgemein ein ziemlich sprachfixierter Mensch bin, erhoffe ich mir wohl Inspiration.
     Wie schon gesagt, hatten sich vor allem viele sehr junge Leute zu der Veranstaltung eingefunden, es waren allerdings auch einige Mittelalte dabei, von denen nicht alle Eltern der Jungen gewesen sein können. (Puuh!) An der Bühnendekoration fallen zuerst die ausgeschnittenen Bilder auf, die da über Kopfhöhe hängen. eine Grapefruit als Symbol für den gleichnamigen Song, ein Regenbogen und noch ein paar andere Bildchen: Irgendwie billigstes Grundschul-DIY, aber eben auch total passend zum fröhlichen, unkomplizierten, Ich-bin-eine-von-euch-Image. Julia tritt auf (ganz in schwarz, mit Blazer, Sneakers und Topknot-Frisur) und feuert direkt in rasendem Tempo das erste Gedicht ab. Dann erklärt sie, dass sie durch die Poetry-Slams so schnell sprechen gelernt hat. Angenehmerweise trägt sie die folgenden Texte dann nicht mehr ganz so schnell vor.
     Manche Texte berühren erwartungsgemäß: In dem Gedicht über die Eltern finden sich wohl viele wieder. Manche Texte beeindrucken mit Überraschendem, und zwar emotional und sprachlich: "Der König" war mein persönliches Highlight. Manche Texte sind aber auch nicht gerade Sternstunden der Unterhaltung: Auf den Taxistand-Song hätte ich gut verzichten können.
     Mit anderen Worten: Julia Engelmanns Texte sind intelligent, lustig, gewinnen dadurch, wie sie sie vorträgt, bieten Momente, in denen man sich wiedererkennt und erschaffen Bilder in den Köpfen der Zuhörer. Manchmal sind sie aber auch banal und unausgegoren. Im Schnitt überwiegt aber das Positive.
     Apropos positiv: An vielen Texten merkt man deutlich, dass Engelmann vom "Positiven Denken" beeinflußt ist. Das überrascht nicht, da ihre Mutter als Psychotherapeutin (?) in dem Bereich arbeitet. Nun bin ich ja leidenschaftliche Schwarzseherin und folglich gehen mir allzuviele "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt"-Sprüche schnell mal auf den Zeiger. Umso bemerkenswerter, dass Julia auch solche Skeptiker wie mich abholt: Im Refrain von Grapefruit heißt es "Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt, heute wird ein schöner-...,Dinge werden wahr, wenn man sie oft genug sagt, heute wird ein schöner-..., ähnlich geht es weiter, doch dann kommt die Strophe in der es heißt: "Dein trauriges Gesicht erinnert mich an mich" Und es zeigt sich: Erst vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung mit depressiven Phasen bekommt die Aufforderung zum positiven Denken ihren Sinn. 
     Die Zeit scheint an diesem Abend sehr schnell zu vergehen. Zwischen die Gedichte sind immer mal Lieder geschoben, eine Zuschauerfragerunde gibt es mittendrin und das bekannte "Eines Tages, Baby", bildet natürlich kurz vor Schluss nochmal einen Höhepunkt für die meisten Zuschauer.
     Insgesamt hat es mir auf keinen Fall Leid getan, Julia Engelmanns Show besucht zu haben. Am Ende kaufe ich sogar noch das Buch "Jetzt, Baby" und lasse es mir von der Autorin signieren. (Ein bischen Starrummel muss sein, auch wenn ich, anders als die Teenies, kein Selfie mit ihr will.)
     Nun habe ich hier immer von einer Veranstaltung gesprochen, oder einer Show, aber eigentlich ist der angestaubte Begriff "Dichterlesung" tatsächlich der passendste für das, was wir da gesehen haben. Eine Dichterlesung, zu der in einer Kleinstadt schnell mal 700 Leute zusammenkommen und zu der 16jährige ihre Eltern mitnehmen und nicht umgekehrt! Wenn das kein Phänomen ist, weiß ich es auch nicht! 




ENGLISH:
Sorry, there won't be a translation for this post, because it is about a German language author.

Comments

  1. Oh, ich muss gestehen, ich habe vorher noch nie etwas von Julia Engelmann gehört! Jetzt hast Du mich direkt neugierig gemacht und ich muss mir auf jeden Fall die Bücher von ihr mal näher anschauen. Ich könnte mir vorstellen, dass es mir nicht nur gefällt, was sie sprachbezogen macht sondern dass auch ihre Denkweise mir entgegenkommt ... Danke fürs Vorstellen!
    Liebe Grüße, Rena
    www.dressedwithsoul.com

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