An open letter to my fifteen-year-old self

Mein liebes Mädchen,
Es ist 20 Jahre her, dass ich du war. Ein bischen wünschte ich, ich könnte die Zeit zurückdrehen: So viele Dinge, die für mich jetzt alte Hüte sind, zum ersten Mal kennenlernen! So viel fühlen, wie nur ein Teenie fühlen kann! Von so vielen Möglichkeiten träumen, ohne mich für eine entscheiden zu müssen! ...
Aber - ganz abgesehen davon, dass es nicht möglich ist - dann wären auch all die Ängste wieder da. Die Ängste mich "den anderen" gegenüber irgendwie falsch zu verhalten. Die Ängste, seltsam zu sein, peinlich, uncool. Das Falsche zu sagen oder zu tun.
Als Erwachsener (Bin ich denn jetzt überhaupt erwachsen?) blickt man zurück und hält oftmals irgendeinen Zeitpunkt zwischen "aus dem Gröbsten raus" und "mit dem Studium fertig" für ein verlorenes Paradies, in das man am liebsten zurückkehren würde. Weil man damals so unbeschwert war. Aber ich weiß, dass du das aus deiner Sicht ganz anders empfindest. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendein Teenie das NICHT anders empfindet. Der eine hat Probleme in der Schule, die nächste hadert mit ihrem Aussehen, der dritte mit der Liebe. Und wenn man dann halbwegs mit diesen Dingen klarkommt, ist man meist auch mit der Schule fertig und es "steht einem die Welt offen". Und genau da fängt das nächste Problem an: Was soll man denn jetzt bloß mit dieser Freiheit anfangen?! Nein, als junger Mensch hat man es wirklich nicht leicht!
Und um dir da hindurch zu helfen würde ich dir gerne, wenn ich könnte, über die Zeit hinweg folgende Dinge zurufen:
  • "Die Anderen" wissen es auch nicht besser: Was man wann sagen soll; wie man sich zu verhalten hat, um cool zu sein; wie das soziale Leben funktioniert.  Es heißt für alle: Versuch und Irrtum.
  • Überanalysiere nicht immer das, was andere sagen. Die meisten sind gar nicht so intelligent, dass jede Frage, die sie dir stellen, einen gemeinen Hintersinn haben könnte.
  • Wie kommst du nur auf die Idee, dass diejenigen Menschen, die du interessant findest, speziell diejenigen Jungs, die du interessant findest, dich ihrerseits auf keinen Fall interessant finden? Natürlich mag dich nicht jeder, aber es gibt auch Leute, bei denen das Tollfinden auf Gegenseitigkeit beruht. Und vielleicht sind die näher, als du denkst!
  • Rechne aber auch damit, dass Menschen, die ganz anders sind, als du, die du auf den ersten Blick vielleicht nicht interessant findest, sich als ganz wundervolle (Lebens-)Gefährten erweisen können. Gib ihnen eine Chance!
  • Gehe weiterhin davon aus, dass sich etwa 98 Prozent der Menschen überhaupt nicht für dich interessieren. Dass, auch wenn du etwas Auffälliges trägst, kaum jemand auf der Straße dich wahrnehmen wird, dass niemand dir ansehen kann wen, oder was du magst, und dass keiner, absolut keiner auf der großen weiten Welt sich den Kopf darüber zerbricht, was du gerade denkst. Ist das nicht toll? Es bedeutet, dass du ganz entspannt denken, mögen und tragen kannst, was du willst!
  • Und noch was zum Thema Menschen: Sie sind das Wichtigste: Wenn du keine anderen Menschen in dein Leben lassen kannst, läuft etwas falsch! Aber: Sie sind auch wieder nicht sooo wichtig: Wenn du nur noch Dinge tust, weil du anderen folgst und ohne dies selbst eigentlich zu wollen, dann läuft auch etwas falsch!
  • Kommen wir zu einem anderen wichtigen Bereich: Es gibt nicht den einen, einzigen Traumjob. Und es wird auch nicht "klick" machen und dann weißt du, welcher das ist. Tut mir leid!
  • Aber: Es gibt sicherlich mehrere Felder, in denen du glücklich werden kannst. 
  • Die besten Anhaltspunkte, die du hast, sind deine  Interessen, Leidenschaften und Talente, Lass dich von ihnen leiten. Dies gilt nicht nur im Bezug auf Studium oder Beruf.
  • Und wenn du etwas gefunden hast, das etwas ist, dann kümmere dich darum, beschäftige dich damit, bilde dich zur Expertin in dem Gebiet! 
  • Und lass dich nicht durch Ängste und Zweifel abhalten, vor allem nicht durch die Angst vor Lächerlichkeit.
  • Denn: Es reicht nicht, wenn das Feuer nur innen brennt. Es muss nach außen scheinen. Sonst geht es auch schnell mal aus und das nennt sich dann Depression. Und dann brauchst du unbedingt Hilfe.
  • Vielleicht hältst du das dann nicht für nötig, und ja, ich weiß, du bist intelligent, gelassen, kommst alleine klar. Aber manche Probleme kann einer alleine nun mal nicht lösen.
  • Man muss eben nicht immer nur durchhalten und aushalten... Manchmal ist das nur der einfache, der falsche Weg.
  • Apropos Weg: Ganz allgemein solltest du dir nicht allzu viele Sorgen darüber machen, ob der Weg, den du gehst, der richtige ist. Wichtiger ist es nämlich, überhaupt voranzugehen. Alles, was du siehst und erlebst, jeder Mensch, den du kennen lernst, jede Reise, die du unternimmst, auch jede Kursänderung deines Weges wird zu einer wertvollen Erfahrung
 [....]

Natürlich kann ich meinem 15jährigen Ich all diese Dinge nicht sagen. Und wenn ich es könnte, weiß ich nicht, ob ich es wirklich wollte - oder ob ich mir selbst zuhören würde. Auf jeden Fall aber zeigt mir dieser Post, was ich in den letzten 20 Jahren dazugelernt habe. Und er zeigt mir auch, woran ich weiterhin noch arbeiten kann, denn es schadet mir sicherlich nicht, mich an einige dieser Punkte immer wieder zu erinnern.

Was haltet ihr, liebe Leser, von meinen Ratschlägen für mein jüngeres Ich? Welche Ratschläge würdet ihr eurem eigenen 20 Jahre jüngeren Ich geben? Ich würde mich über eine rege Diskussion zu diesem Thema in den Kommentaren freuen!


Die Sonnenbrille habe ich übrigens schon seit 1997 (also seit 20 Jahren) deshalb passt sie so gut zu diesem Post. Die ELLE habe ich zwar mit 15 noch nicht gelesen, aber wenig später wurde sie praktisch meine"Bibel", also passt auch das ganz gut.








 ENGLISH:
My sweet girl,
20 years have passed since I was you. Sometimes I wish I could turn back time: So many things that I got to know for the first time then and that have gotten old since. So many intense feelings that only a teenager is able to feel. So many possibilities I could dream of without having to make an actual decision!...
But - besides the fact that it is not possible to turn back time - if I could, I would have to suffer all those fears again as well: The fear of doing or saying something wrong. The fear of being strange, embarrassing, uncool.
As grown-ups (Am I even grown-up now?) we sometimes look back and feel that somewhere in between childhood and our lives as serious working adults lies a lost paradise that we want to go back to. Because we were so free of worries then. But I know that from your point of view you must feel very different. And I can't imagine that there is one teenager in the world, who doesn't feel different about this. One person has problems at school, another one struggles with their looks, another one with love. And once you have worked these things out, you've usually finished school as well. The world is your oyster. And that's where the next problem begins: What are you going to do with all that freedom??!
Nope, whey you're young, life isn't as easy as it looks! And so I would love to call out to you, my sweet girl, across all those years and give you some advice, share with you what I've learned in the meantime (if only I could)
So here it comes:
  • "The others" don't know any better than you do: When to say what, how to behave in order to be "cool", how social life works. It's trial and error for everyone.
  • Don't overanalyse what others say. Most people aren't even intelligent enough to have a hidden agenda with every innocent question they ask you. 
  • How did you ever get the idea that the people you like, especially the guys you like, do not like you? Not everyone will like you, of course, but there will always people with whom the liking is mutual. And maybe they're closer than you think!
  • But it's also a good idea to be open to people who are different from yourself and whom you might not find interesting at first glance. Give them a chance! They might surprise you and become great friends or more than friends.
  • Furthermore expect that at least 98 percent of people don't care about you at all. They won't notice you on the street even if you're wearing something strange, they cannot tell, what or whom you like, and they're definitely not racking their brains about what you might be thinking. Isn't this amazing? It means that you can relax and think, like and wear, whatever you want!
  • And one more thought on the topic of people: They are the most important thing in life! If you can't let other people into your life, there is something wrong! But: Then again other people are not that important: If you only ever follow others without wanting to do, what you're doing, yourself, there's something wrong, too!
  • Now let's talk another important area of life: I'm sorry to tell you this, but: There isn't such a thing as a "dream job" for everyone. And it won't "click" and then you know what it is.
  • But: I believe that there are several fields and professions in which you can be reasonably happy.
  • Your best bet is to trust in your passions, your interests and your talents. Let them lead you on.
  • And if you find something that feels right for you, pursue it, become an expert in the field.
  • And don't let your fears and doubts stop you, especialy not the fear of being ridiculous.
  • Because: The fire of your enthusiasm can only burn for so long, if you don't let anyone see it. You need to let it shine or else it will be extinguished. And that's called a depression. And then you need help.
  • You might think that you can always help yourself, but there are problems that one person alone cannot solve.
  • It's good to "hang on", but it's not always the right way.
  • And speaking of ways: Don't worry too much about wether you're on the right way: It's more important to keep going at all. Everything you see and do, every person you get to know, everywhere you travel, every detour you take will become a valuable experience.
  [....]

Of course I can't say all these things to my fifteen-year-old self. And if I could, I don't know it I'd want to - or if I'd listen to myself. But in any case I find this post valuable, because it shows me a lot of things that I've learned within twenty years. (And which bullet points I still have to work on.)

What do you think about my advice for my younger self? What would you tell your twenty years younger self? I'd love to hear your thoughts on this!

Comments

  1. Dann will ich doch mal als Erste :-) Das sind großartige Ratschläge. So oder ähnlich nerve ich meine Töchter regelmäßig, zusammengefasst unter dem Titel "Sei einfach du, dann passt das. Du bist nämlich ein wunderbarer Mensch". Und dann haben wir da die Sache mit dem Propheten im eigenen Land *grins* Die glauben mir das nämlich schlichtweg nicht. Ich war aber genauso, als meine Mutter mir ähnliche Ratschläge gab.
    Vielleicht ist es einfach so, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss, damit er zu diesen Schlüssen gelangt. Wäre ja irgendwie auch unausstehlich, wenn wir mit 15 schon so souverän gewesen wären.
    Liebe Grüße
    Fran

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    1. Souverän ist das richtige Wort! Jahrelang habe ich mir vergeblich gewünscht ich könnte souveräner zu mir und meinen Meinungen stehen. Und irgendwann mit Mitte 30 habe ich dann festgestellt, ich bin tatsächlich souveräner geworden.
      Mit den eigenen Erfahrungen hast du natürlich Recht! Ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin, wäre ich nicht mit 15 gewesen, wie ich damals war!
      Manchmal habe ich allerdings schon den Eindruck, dass die Teenies heute durchweg selbstbewusster sind, als ich war, aber vielleicht sind das nur diejenigen Teenies, die ich kenne.
      Danke für deinen Kommentar!

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