11.7.16

Wise Words IX


     In meiner "Wise words"-Rubrik gibt es heute mal ein eher untypisches Zitat, fast schon einen Anti-Motivationsspruch, und ich will erklären, warum:

     Motivationssprüche und Zitate kann man im Internet ja an jeder Ecke finden. Pinterest, Instagram, You name it... Ganz viele dieser Sprüche haben den gleichen Tenor: Glaub an dich, Mach deine Träume wahr, Folge deiner Berufung/ Leidenschaft/ Vision. Das ist ja alles gut und schön, aber was ist, wenn man so eine Lebensvision nicht hat? "Traurig" denkt ihr jetzt vielleicht? - Nun ja, hattet ihr denn etwa mit acht Jahren einen Traum, was ihr mal werden wollt, mit 18 einen Plan, wie ihr das umsetzt und mit 28 den absoluten Traumjob? Also ich nicht. Ich hatte mal diese, mal jene Idee, und Vorstellungen von "Richtungen" in die ich gehen könnte, aber die große "Berufung" habe ich nie gespürt. Und nun? Ist mein visionsloses Leben etwa nicht lebenswert? Das kann ja wohl nicht sein!


 
     Schließlich gibt es doch genug Leute, die mit ihrem Leben zufrieden sind, obwohl sie für ihren Job nicht gerade brennen. Oder die ihren Job richtig gerne mögen, aber eben nicht mit Strategie, sondern eher durch Zufall da ran gekommen sind. Also muss es doch auch möglich sein, ohne Vision und Masterplan glücklich zu werden...
     Egal, ob im Leben eines Menschen, oder in der Politik: Dieses Gerede über Visionen hat den Nachteil, dass es immer den ganz großen Wurf verlangt: Hopp oder Topp, Erreichen oder Versagen. Oder für immer um etwas kämpfen, das man doch nicht erreicht. Das ist einfach nicht jedermanns Sache. Vor allem nicht, wenn es doch auch anders geht: Das kleine Glück, das realistische Ziel, die Dinge nehmen, wie sie kommen. Sich vom Leben überraschen lassen. Schlechtes akzeptieren, das Schöne genießen, Chancen, die sich bieten, ergreifen. Zufriedenheit statt Drama sozusagen. Ist es denn so schlimm, so zu leben? Bedeutet es, dass man resigniert hat?
     Früher, so mit Anfang 20, hätte ich wohl gedacht "Ja, das bedeutet es!". Da hatte ich die Vorstellung ich müsste doch eigentlich den einen Lebenstraum, oder Traumjob haben. Und in gewisser Weise habe ich lange darauf gewartet, dass mir irgendwann klar wird, was dieser ist. Aber nichts wurde mir klar. Nur deutlich später dass dieses Warten Zeitverschwendung ist.
     Also bitte etwas weniger Schuldgefühle machendes Visions-Gerede und ein bißchen mehr Sich-das-tägliche-Leben-schön-machen an dem Punkt an dem man nunmal gerade steht!

     Wie ist das bei euch? Habt ihr einen Lebenstraum oder Lebensplan, dem ihr folgt? Ist euer beruflicher Weg geplant, oder eher zufällig von statten gegangen? Wie sieht es mit dem privaten Bereich aus? Ich bin gespannt auf eure Antworten!



English:
     "The person who has visions, had better see the doctor." -That's how you could translate the above quote.


     You see: it is an unusual quote in the world of the Internet: because wherever you look (Pinterest, Instagram, you name it) you can find a motivational quote and usually of the kind: Believe in your dream! Make it real! Follow your vision! -Well, that's all good and sometimes people need that kind of motivation, bur sometimes... not. Because: What kind of vision? A dream job? Or any other one big dream for your life? What if you don't have that big vision? -"That's sad!" you might say. But: did you know what you wanted to be when you were 8, had a plan how you were going to achieve that goal when you were 18 and finally had reached your dream job when you were 28? No? Me neither. I had several ideas, different fields that I was interested in. But that one "vocation"? I never felt that. So, what now? Is my visionless life not worth living? That can't be true!
     Seeing as there are many people who do not love their jobs, but are still happy in life, or who really like their jobs, but did not get them by planning, but by coincidence, I am quite positive that it must be possible to lead a happy life without the big vision, without the masterplan.
     Because that "Follow your vision" idea has one disadvantage: It asks for really big drama: Success or failure, nothing in between. And that much drama and risk is not for everyone. Especially not if there is an alternative that is just as good: Smaller dreams, realistic goals, take life as it comes, let life surprise you. Accept the bad things and enjoy the good things as much as you can. Contentment instead of drama, if you want. -Is it so bad to live like that? Does it mean you have "given up"?
     When I was in my early twenties, I probably would have answered "Yes, that's what it means!" I didn't have a "vision" then either, but I was convinced that I should have one. A dream job, or something like that. And in a way I waited for that vison to come to me but it never did. Instead came the realization that such waiting is a waste of time.
     So, all I'm saying is this: We should have a little less of that guilt-creating "Follow your vision"-talk and a little more enjoy-the-small-things-and-try-to-make-the-best-out-of-everything!

     What about you? Do you have that "life dream"? That dream job? Share your opinion!

7 comments:

  1. Ganz toller Text! Ich finde auch das man viele Dinge einfach nicht planen kann und sollte. Dabei vergisst man oft die alltäglichen ,wundervollen Momente! <3

    https://andreaandcoco.wordpress.com/

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  2. Das ist ein guter Text, fühle mich direkt angesprochen. Ich war nie ehrgeizig, Ziele die ich mir stecke sind eher kleiner Natur, und daher meist erreichbar. Bewusst fällt mir nichts, auch ohne den großen Lebensplan.

    Liebe Grüße :)

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  3. Ein sehr weiser Spruch. Ich nehme mir auch keine Zeit für Visionen. Ich lebe lieber. LG Sunny

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  4. Ganz ehrlich, ich bin auch gar nicht der Typ für Visionen. Wenn ich auf etwas Lust habe oder es mir einfällt, dann mache ich es einfach :) Ansonsten lebe ich mein Leben und es überrascht mich täglich aufs Neue!
    xx Rena
    www.dressedwithsoul.com

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  5. Toller Text! Und ja, man kann echt nicht alles planen im Leben. Oft kommt alles total anders. :)


    XX,

    www.ChristinaKey.com

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  6. Toll geschrieben und so wahr. Es ist ja nicht so, dass ich nicht diverse Motivationssprüchlein abgespeichert/auf Abruf bereit hätte. Aber irgendwie waren sie früher (= vor Instagram) tatsächlich noch eine nette Motivation, während ich heute von der Flut an Sprüchen und (Instagram nutzenden) Coaches eher genervt bin. Vielleicht, weil ich auch nicht "die" Vision für mein Leben habe. ;)

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  7. Vielen Dank für eure Kommentare! Ich war mir ja bei diesem Text nicht so sicher, ob er vielleicht etwas zu negativ ist, aber anscheinend bin ich nicht die einzige, die das so sieht! ;-)

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